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Sporthallen-Gelände liegt brach
Wo sich früher in Böblingen die Stars tummelten, sollen Wohnhäuser hin - Der Stadt macht eine benachbarte Chemiefabrik Probleme
Der Wohnungsbau auf dem Gelände des abgerissenen Böblinger Veranstaltungstempels verzögert sich. Die Stadt kann das Areal ihrer durch TV-Sendungen deutschlandweit bekannten Sporthalle erst versilbern, wenn sie sich mit der benachbarten Chemiefabrik geeinigt hat.
Von Ulrich Hanselmann
BÖBLINGEN. Die Firma war zuerst da. Pfinder Chemie, vor 125 Jahren in Ulm gegründet, produziert seit 50 Jahren in Böblingen. Der Spezialist für Hohlraumkonservierung arbeitet mit rund 80 Beschäftigten vor allem für die Automobilindustrie. Nur eine Straße trennt das Unternehmen von dem Ort, wo sich bis Ende 2007 Stars ein Stelldichein gaben. Sie und die im Lauf der Jahre Millionen Besucher störte die Nachbarschaft nicht. Doch jetzt, da ein Wohngebiet entstehen soll, gibt es Probleme. Denn die Chemiefabrik unterliegt einer Störfallverordnung des Bundes, die bei Neubauten einen Sicherheitsabstand verlangt.
Ein Dutzend quadratische Häuser und mehrere längliche Gebäude, teils mit Geschäften, sieht der Siegerentwurf für das Sporthallen-Areal vor. Für den hat sich die Stadt im November 2007, also noch vor dem Abriss der Halle, bei einem Architektenwettbewerb entschieden. Sie wird ihn so aber nicht realisieren können. Denn schon länger steht fest, dass die Kommune nicht über das gesamte vorgesehene Gelände verfügen kann. Eigentümer dort stehender Garagen weigern sich, zu verkaufen.
Mit der Chemiefabrik wird noch verhandelt. Der Sicherheitsabstand wäre nämlich ausreichend, wenn das Unternehmen einen Teil seines unbebauten Firmengeländes dafür hergeben würde. Der Traditionsbetrieb wäre dann aber bei einer möglichen Erweiterung eingeschränkt. Bis Jahresende, so eine Sprecherin der Stadt, soll das Ergebnis feststehen. Wenn es gegen die Kommune ausfällt, wird das Wohngebiet wohl deutlich kleiner. Von bis zu 40 Prozent ist die Rede. Das Gelände ist vier Hektar groß.
Die Sporthalle Böblingen hat einen legendären Ruf. Als sie 1966 eröffnet wurde, gab es noch keinen Glaspalast in Sindelfingen und keine Schleyerhalle in Stuttgart. Wer Rang und Namen hatte und in der Region Stuttgart ein großes Publikum erwartete, kam nach Böblingen.
Willy Brandt, Helmut Schmidt und Helmut Kohl waren da. Und auch einer, der wie sie gerne Bundeskanzler geworden wäre, es aber nie schaffte: Franz-Josef Strauß, der Ur-Bayer und CSU-Chef, wurde in Böblingen mit Eiern beworfen.
Teenager himmelten hier Roy Black oder Rex Gildo an, Hardrockfans jubelten bei AC/DC. Die Größen der Musikszene waren fast alle da: Abba, Queen, Supertramp, Genesis, Black Sabbath, Frank Zappa, Santana, Bap, Tote Hosen, Johnny Cash, Manfred Mann, Tina Turner, Rory Gallagher, Chris de Burgh, Rod Stewart, Joan Baez, Mike Oldfield, Eros Ramazzotti, Udo Lindenberg, Wolfgang Ambros, Peter Maffay, Herbert Grönemeyer, Die Prinzen, Pur, EAV, Udo Jürgens, Howard Carpendale, Peter Alexander . . . Lustige Musikanten und die Kastelruther Spatzen traten auf, aber auch die Liedermacher Hannes Wader und Georg Danzer. Ein Kontrastprogramm, das 2007 mit Rapper 50 Cent und Grusel-Rocker Marilyn Manson für immer endete.
Und es gab die TV-Live-Shows: "Wetten, dass . . .?" kam von 1981 bis 2003 sechsmal aus Böblingen in deutsche Wohnzimmer. Und weil auf Gottschalks Sofa gerne Superstars Platz nehmen, die gerade für ihren neuen Kinofilm oder die aktuelle Musik-CD auf Werbetour sind, betraten den Boden der Sporthalle unter anderen Michael Douglas, Tom Hanks, Leonardo DiCaprio, Steven Spielberg, Paul McCartney und Robbie Williams. Dazu 37-mal Frank Elstner und seine Vorgänger mit "Verstehen Sie Spaß?".
Das Aus der multifunktionalen Halle hatte rein finanzielle Gründe: Etwa acht Millionen Euro wären nötig gewesen, um den alten Veranstaltungstempel (Baukosten 1966: 8,6 Millionen Mark) auf den Stand der Zeit zu bringen. Das war der Stadt zu viel. Inzwischen aber wird der Veranstaltungstempel schmerzlich vermisst. Nicht nur von den unbekannten Menschen, die im Sommer 2008 der legendären Halle an ihrem Standort ein hölzernes Grabkreuz samt ewiger Lichter, Blumengebinde und Erinnerungsschleife widmeten: "In unseren Herzen bleibst Du unvergessen." Böblingen träumt jetzt von einer Nachfolgehalle auf dem Flugfeld.
Quelle Stuttgarter Nachrichten 23.10.2009
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